Radiointerview – Therapeutisches Klettern im Deutschlandfunk

Deutschlandfunk Kultur. Nachspiel. im Interview mit Katharina Mehta von HOCH-HINAUS – Klettern als Therapie e.V.

Die Resilienz stärken

Psychologie, Kinderheilkunde, Orthopädie: drei Bereiche, in denen therapeutisches Klettern erfolgreich eingesetzt wird. Ergotherapeutin Katharina Metha spricht darüber, was die Therapie mit dem Körper macht – und was damit erreicht werden kann.

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Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/klettern-als-therapeutisches-mittel-100.html

Das Radio Interview im Textformat

Deutschlandfunk:  Deutschlandfunk Kultur. Nachspiel. Das Pferd als Coach, eine Probe Stunde im Pferdgestützten Training, Sabine Lärcher hat sich die gegönnt. Therapie Teil 2 aus dem Sattel zur Kletterwand. Klettern verlangt den ganzen Körper mit. Halben Sachen ist dann nichts zu machen, sagen die Freunde dieser Bewegungsform und erst recht die Anbieter derselben. Gab es 1990 in Deutschland nur 20 Kletterhallen, sind es heute weit über 500. Nicht vermute mal, Tendenz steigend. Klettern erinnert irgendwie ans Krabbeln und an die Kinderzeit. Was genau bringt es, fern ab dieser Phase für die Lebensqualität und ohne Bezug zum sportlichen Wettkampf? Inzwischen wird ja auch bei Olympier geklettert. Über das Potenzial des Kletterns habe ich mit der Ergotherapeutin in Katharina Mehta gesprochen von Hoch hinaus. Der Verein setzt es als therapeutisches Mittel ein. Bei ihnen wird geklettert, drinnen und draußen.

Katharina Mehta:  Richtig? So ist das ja.

Deutschlandfunk:  Wann hilft denn Klettern aus ihrer Sicht?

Katharina Mehta:  Klettern hilft immer dann, wenn ich mit viel erlebtes und Flow eine Sache, eine Aktivität oder Handlung angehe. Das lässt sich wunderbar auf die Alltagsaktivitäten und Handlungen übertragen. Dementsprechend ist es therapeutisch einsetzbar, indem wir mit unseren kleinen und großen Klienten individuelle Ziele ausbauen, was ihre alltäglichen Belastungen und auch Defizite angeht, das mit dem Medium Klettern umsetzen.

Deutschlandfunk:  Wie muss ich mir das jetzt ganz praktisch vorstellen? Komm da eventuell, die Eltern mit den Kindern zu ihnen und sagen, wir haben da einen Problem, können sie uns helfen?

Katharina Mehta:  Ja, das ist in der Regel immer so, dass die Eltern sich bei uns anmelden mit dem Anliegen der Kinder. Und dann kommen aber die Kinder in Gruppen zusammen. Also sind meistens ADHS-Kinder und Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung oder anderen Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Belastungen. Die Kinder kommen in Gruppen zusammen und haben ein Trainings-Tagebuch, in dem sie ihre individuellen Ziele des Alltags festgelegt haben mit uns in Einzelsprächen. Die werden dann in der Gruppe dahingehend begleitet, dass sie an diesen Zielen arbeiten mit dem Medium Klettern. Das ist so ein ganz ergotherapeutisches Prinzip, was wir eben auf dieses spezielle Medium, was einfach so populär und auch so eingängig und auch so wirkungsvoll an sich schon ist, übertragen haben.

Deutschlandfunk:  Dann gehen sie mit den Kindern in eine Kletterhalle oder raus in die Natur klettern da, gehen einen Kletterpark?

Katharina Mehta:  In der Regel haben wir mehrere Gruppen in den verschiedenen Kletterhallen Kölns. Und da treffen sich die Kinder und Jugendlichen mit uns wöchentlich in eineinhalb Stunden, machen wir da ein therapeutisches Programm. Im Sommerferien über eine Woche in gibt es eine therapeutische Ferienfreizeiten, wo es um auch das Klettern am Fels geht. Und natürlich auch der große Erlebnisfaktor noch ergänzt wird, durch das in der Natur sein. Und das gemeinsam ein kleines Abenteuer gestalten. Genau.

Deutschlandfunk:  Was genau kann man denn mit Klettern erreichen? Muss man nicht besonders mutig sein, wenn es ums Klettern geht? Und viele junge Leute, Kinder zumal, haben ja vielleicht auch Angst davor.

Katharina Mehta:  Ja, die Angst oder auch, dass sich wirkungsvoll erleben und sich über seine eigenen Grenzen hinausentwickeln gehört zum Klettern dazu. Das heißt, man muss nicht besonders mutig sein, sondern man darf so sein, wie man gerade ist und schauen, ob man da mitgezogen wird, mit diesem schönen Motivationsfaktor Klettern an sich. Weil sie, wie sie im Eingangs gesagt haben, es ist Krabbeln nur an der Wand. Das kommt aus jeder Kinder, nach Menschen-Seele heraus, dass sie gerne Klettern und sich damit ihrem Körper entdecken, Dem entsprechend, muss man nicht besonders mutig sein, sondern mit dem, was man mitbringt dabei sein, und das mit Freude umsetzen. Ob die Kinder oder Jugendlichen erst 30 Zentimeter hochklettern und sich dann in den Gurt fallen lassen und schwingend erleben, was für ein wunderschönes Körpergeführter das ist. Oder ob sie die ganze Wand hochklettern oder auch in einem Schwierigkeitsfaktor von 6 Minus, dann sich da immer weiterentwickeln und sich in der Selbstwirksamkeit bestätigt wissen, dass sie mit ihrem Körper und all den Emotionen und auch der Frustration, die manchmal vorkommt, trotzdem die Probleme an der Wand lösen und dann oben ankommen.

Deutschlandfunk:  Aber bei einer Pferdetherapie zum Beispiel kriegt man wahrscheinlich eher Ein Lächeln auf die Lippen, oder was macht beim Klettern gute Laune?

Katharina Mehta:  Also ich glaube, jeder, der schon mal geklettert ist, empfindet das körperlich, dass das einfach so schön ist, den Körper als Ganzheit einzusetzen. Jede Muskel-Faser des Körpers, auch Muskeln vielleicht einzusetzen, die man vorher noch nicht kannte. Und dann sich selbst da hochzuziehen und hochzudrücken. Es ist etwas, was ja, sich im Flow – ich kann es gar nicht beschreiben dieses Erlebnis – weil ich auch schon seit Jahren selbst klettern, dass sowohl auch als Therapeutin als sehr resilient, stärkend Erlebe, weil man an nichts anderes denken kann, wenn man an der Wand den nächsten Klettergriff und dann auch die Route beenden möchte.

Deutschlandfunk:  Kann das eigentlich auch jeder klettern? Könnte ich das zum Beispiel auch, ich bin schon etwas älter?

Katharina Mehta:  Natürlich. Sie können das sofort. Ja, also es ist oftmals so, dass man denkt, man braucht ja so viel Kraft oder man braucht so viel Mut. Es ist eher ein Einlassen auf das Erlebnis, mit der Idee, mal gucken, was da passiert. Das ist eben auch das, was so wirkungsvoll ist, dass man diese ganzen Konzepte, vergisst an der Wand. Und dann ist man ganz im Moment. Und das macht Therapie möglich, auch in dem Land, die Komfortzone verlassen werden kann. Und man sich wirklich weiter entwickeln kann.

Deutschlandfunk:  Was kostet das Ganze eigentlich? Sie müssen sich auch finanzieren.

Katharina Mehta:  Ja, das ist ein schönes Thema. Genau, wir haben letztes Jahr sogar einen Ehrenamtpreis vom LVR dafür bekommen, dass wir uns da so weit ehrenamtlich aus dem Fenster lehnen. Es ist so, dass wir die ergotherapeutische Leistung über die Krankenkasse abrechnen können. Aber unser multiprofessionelles Arbeiten ist etwas, was immer im Hinblick auf Spendengelder oder Stiftungsgelder unterstützt werden muss.

Deutschlandfunk:  Sie freuen sich auf Sponsoren und über Sponsoren.

Katharina Mehta:  Wir freuen uns über Sponsoren und über Menschen, die die Faszination von Klettern und auch als Klettern als Therapie verstehen und dann sehen, wie wirkungsvoll das ist. Die Menschen sprechen aus dem Herzen heraus, sagen, das ist ein Angebot, was ich unterstützen möchte.

Deutschlandfunk:  Das therapeutische Potenzial des Kletterns, worin besteht es? Wer sollte es nutzen? Darüber habe ich gesprochen mit Katharina Mehta, Ergotherapeuten vom Verein HOCH-HINAUS – Klettern als Therapie e.V. . Vielen Dank für Ihre Zeit.

Katharina Mehta:  Dankeschön.